Taufritual

Der folgende Text stammt aus meinem Buch: Sinn finden in der Natur. Heilsame Rituale für Lebensübergänge. © Patmos Verlag 2013.

TaufritualWillkommen im Leben – ein Naturritual für ein Neugeborenes und für die neuen sozialen Rollen der Eltern, Großeltern und Paten

Das folgende Willkommensritual in der Natur beschreibt eine Alternative zur Taufe und wurde für ein einjähriges Kind mit den Eltern entwickelt.

Das Ritual fand im Garten im Kreis der Familie statt. Nach der Begrüßung wurde die Absicht des Rituals benannt: das Wunder des Lebens zu ehren, das Kind gemeinsam im Kreis der Gemeinschaft willkommen zu heißen und ihm Kraft mit auf seinen Lebensweg zu geben. Symbolisch werde mit dem Bau einer Schutzhütte ein Fundament für sein Leben gebildet und die Eltern, Großeltern und Paten in ihrer neuen Rolle begrüßt.

 

Anschließend wurden auch unerfüllte Erwartungen der Großeltern angesprochen, die sich eine Taufe gemäß ihrer Tradition gewünscht hätten: „Jede Generation entwickelt ihre eigenen Rituale. Das ist manchmal für Eltern ein herausfordernder Prozess. Alle sind eingeladen, das Ritual mit ihren Ideen zu bereichern und das Baby auf ihre Art willkommen zu heißen. Die Eltern formulierten, weshalb sie diese Form gewählt hatten.

 

Der Hauptteil des Rituals beinhaltete den Bau der Weidenhütte. Zunächst wurde gemeinsam die Mitte der Hütte dekoriert und eine Decke für das Baby bereit gelegt. Es wurde ein Spalier gebildet, und die Eltern gingen sehr langsam mit dem Baby auf dem Arm durch das Spalier. Die Großeltern wurden als Ahnen geehrt und ausgesprochen, wie sehr ein Kind die Verbindung zwischen Eltern und Großeltern vertieft. Sie gaben dem Kind ihren Segen. Die Eltern sprachen aus, wie es ihnen seit ihrem Rollenwechsel selbst mit ihren Eltern ging. Die Elternschaft wurde gewürdigt.

 

Dann begann der Bau der Hütte. Symbolisch steht die Hütte dafür, dass mit dem Wachsen der Weiden auch die Beziehungen zum Kind wachsen, die Menschen mit dem Kind verwachsen und das Kind in der Mitte dieser Menschen anwachsen kann. Die Weidenschutzhütte ist ein Ort des Rückzugs. Wie jede Pflanze will auch die Beziehung zum Kind gehegt und gepflegt, gegossen und genährt werden, damit sie wachsen kann. Das Kind kann später in der Hütte immer wieder spüren, dass es Menschen gibt, die es gern haben, die ein Dach und eine Hütte für es gebaut haben.

 

Alle Personen erhielten eine vorher schon angespitzte, gut getränkte Weide. Die Weidenlöcher wurden ebenfalls vorher schon bereitet. In die Löcher wurde Tabak mit Dank für die Erde und ein Bergkristall von den Eltern mit Wünschen hineingegeben. Nacheinander sprach jede Person ihre Wünsche für das Baby in die Weide und steckte diese in das Pflanzloch. Die Weiden wurden gebogen und miteinander verflochten, so dass sich eine Kuppel ergab. Die Großeltern formten die Weidenrute am Eingang zu einem Tor.

 

Anschließend wurden die Paten in ihre Rollen eingeführt. Sie drückten ihre Beziehung zum Paar und dem Kind aus und bekräftigten, weshalb sie diese neue Rolle gerne annehmen und wie sie diese ausfüllen wollten. Rituell gaben sie ihr Versprechen. Alle sprachen noch einmal aus, welche Bedeutung die neue Rolle für sie hat und was sie dem Kind mit auf den Weg geben wollen. Mit einem Lied und Geschenken wurde das Ritual beendet.

 

Hier wird sichtbar, wie verbindend und sinnstiftend es ist, Rituale in größere soziale Kontexte einzubetten. Anforderungen und Widersprüche können darin berücksichtigt werden. Ein Übergangsritual ermöglicht so den Beteiligten, ihre zukünftige Rolle anzuerkennen. Vergleichbare Rituale können auch für eine neue soziale Rollen im Erwachsenenalter gestaltet werden.